Erinnerungen zur Kapelle St. Isidor in Niedereslohe
    (1656-2009)
    Geschichte - Abbruch - Wiederaufbau

    Nach den Wirren des 30-jährigen Krieges entschlossen sich die Einwohner von Niedereslohe, eine Kapelle zu bauen. Hierbei handelte es sich nach den bisherigen Aufzeichnungen um die erste Kapelle in Ortsmitte, direkt am Abzweig der Straße ins Salweytal von der alten Durchgangsstraße von Meschede kommend. 1950 wurde bei Ausschachtungsarbeiten ein Hufeisen aus der Völkerwanderungszeit gefunden. Schon zur damaligen Zeit nannte man die Straße “Kupferstraße”.

    Unter Pfarrer Philippus Cobbenrodt (1646-1656) begannen im Jahre 1656 die Bauarbeiten. Das Mauerwerk wurde aus Bruchsteinen gefertigt. Die Maße der Kapelle, die einschiffig mit 3/8 Schluß gebaut wurde, waren: 10,5 m (Länge) und 6,05 m (Breite). Die ursprünglich drei Fenster und der Eingang an der Westseite waren flachbogig. Die Holzkonstruktionen bestanden aus mit der Axt behauenen Eichenbalken (Dachkonstruktion, Turm, Holzbalkendecke). Der Innenraum war geputzt mit zweilagigem Kalkputz, dessen obere Schicht als Glattstrich aus dem damals üblichen Haarkalkmörtel (Kalk mit Kälberhaaren vermischt) hergestellt war. Die Decke bestand ursprünglich aus rohen Eichenbalken mit zwischengeschobenen Wickelhölzern (Hölzer mit Stroh und Lehm umwickelt), die mit Lehm ebenflächig und mit Haarkalkmörtel auf der Unterseite glattgestrichen waren. Zum Dachraum hin wurde als Bodenbelag bis zur Oberkante der Balkenlage ein Lehmstrich aufgebracht. Vermutlich hat die Eindeckung des Daches, wie es zu dieser Zeit üblich war, aus Stroh bestanden und ist später durch ein Naturschieferdach ersetzt worden.

    Der Innenraum war geprägt vom fischgrätartig zusammengesetzten Feldsteinen (Deelenpflaster) und den rot und blau bemalten Deckenbalken. Farbreste wurde beim Abbruch der alten Kapelle 1976 unter dem später aufgetragenen Putz gefunden.

    In den letzten Tagen des 2.ten Weltkrieges wurde die Kapelle, wie auch ein Teil der umliegenden Wohnhäuser durch Artilleriebeschuß beschädigt. An der Südseite in Fensterhöhe wurde durch einen Granattreffe die Wand und das Dach aufgerissen. Der Schaden war so groß, dass der Abriss in Erwägung gezogen wurde. Der Initiative der Niederesloher war es zu verdanken, dass das Bauwerk wiederhergestellt werden konnte. Der Fußboden wurde dann um mehr als 30 cm aufgefüllt und damit dem Niveau der Straße und des umliegenden Geländes angeglichen. Weiteres wurde eine Spalierlattendecke angebracht. Diese beiden Maßnahmen verringerten die lichte Höhe des Raumes, so dass der Altaraufbau in seiner Höhe wesentlich verändert werden musste. Um den Kapellenraum zu vergrößern, wurde der Altar mit Hammerrechten Steinen an der Chorabschlusswand aufgemauert. Der ehemals schmucke Altar wurde um einen Altar in rustikalem Bauernstil ersetzt.

    Beim Abriss des alten Altarblocks entdeckte man eine Reliquienkapsel mit dem Siegel der Äbte von Grafschaft. Die in der Kapsel befindliche kleine Pergamenturkunde gab die bei Dornseiffer und Ludorf (Bau- und Kunstdenkmäler des Kreises Meschede) vermisste genaue Auskunft über das Entstehungsjahr und die Weihe des Altars und der Kapelle.

    Die Kapsel wurde erneut versiegelt und mit einigen, von Herrn Paul Fischer, Bürgermeister von Eslohe, verfassten Dokumenten in eine Granatkartusche des 2.ten Weltkrieges gegeben und diese in den Altar eingemauert. Zu dieser Zeit war das bei Ludorf in der Grundrisszeichnung eingezeichnete Fenster in der Chorabschlusswand schon geschlossen; die älteren Einwohner von Niederesloher erinnern sich aber noch daran.

    Die ehemaligen und sehr alten Altarteile, die barocken Kniebänke, ein altes Eichenschränkchen und der Sockel einer Heiligenfigur wurden beim Abbruch der Kapelle auf dem deren Dachboden wiedergefunden.

    Herr Dechant Grauheer schreibt in der Pfarrchronik 1949: “Die Bauschäden an der Kapelle, die der Krieg verursacht hat, wurden endlich nach Jahresfrist behoben angesichts der Dreifaltigkeitsprozession, die in der Kapelle ihre zweite Station hat”.

    Am 13.04.1942 wurde die 1658 geweihte Glocke beschlagnahmt. Im Jahr 1946 bemühte man sich seitens der Pfarrei eine Ersatzglocke für Niedereslohe zu bekommen. Erst 1949 konnte mit der Vollendung der Renovierungsarbeiten eine neue Kirchenglocke gehängt werden. Diese Kirchenglocke stammt aus Brilon von der Fa. Junker. 1960 erhielt dann Niedereslohe eine automatische Läutanlage für den Angelus. Leider verschwand mit der Automatisierung eine alte Tradition in Niedereslohe. Jahrhundertelang hatten Niederesloher Familien das Amt des Angelusläutens übernommen. Zu letzt war die Familie Schäfer aus Niedereslohe damit beauftragt.

    Pfarrer Dornseiffer fiel es 1960 auf, dass die Niederesloher Kapelle kein eigenes Land besaß. Aus diesem Grund stellten fünf Bauern der Hudegemeinschaft Niederesloher ihr gemeinsames Grundstück für die Niederesloher Kapelle zur Verfügung. Das sog. Kapellenland, heute Industriegelände am Braukweg, wurde zur kostenlosen Nutzung zur Verfügung gestellt. Der im Austausch für dieses Gelände erworbene Wald in Frielinghausen, fälschlicherweise Kapellenwald genannt, steht im Grundbuch der Interessengemeinschaft von nunmehr vier Bauern, dies sich aus diesem Anlaß verpflichteten, den Erlös aus dem Wald für öffentliche Zwecke zur Verfügung zu stellen, wovon die neue Kapelle ihren Nutzen hatte.

    Nachdem die
    St. Isidor - Kapelle über 300 Jahr Mittelpunkt des Ortes und sein eigentliches Wahrzeichen war, wurde durch ein Schreiben des Landesstraßenbauamtes in Meschede vom 31.05.1976 bekannt, dass sie zusammen mit einigen Wohnhäusern dem vorgesehenen Ausbau der Ortsdurchfahrt Niedereslohe weichen sollte. Die zunächst vom Landesdenkmalamt in Münster mit Rücksicht auf das Altar der Kapelle und im Sinne eines Ensemble-Schutzes erhobenen Einwände wurden bald zurückgestellt. Daher gab auch das Erzbischhöfliche Generalvikariat in Paderborn seine grundsätzliche Zustimmung zum Abbruch.

    Die erste, vom Pfarrer Josef Krawinkel einberufene Dorfversammlung am 17.01.1975 versuchte das Schicksal ihrer Kapelle und ihres Dorfes abzuwenden. Vergeblich. Nach den gesetzlich vorgeschriebenen Anhörungen erging am 15.10.1976 der Planfeststellungsausschuss.

    In der ersten und zweiten Dorfversammlung am 24.03.1975 wurden konkrete Pläne für einen Wiederaufbau der Kapelle diskutiert. Herr Paul Fischer, dem der schwer erkrankte Pfarrer Krawinkel die Akte Niedereslohe anvertraut hatte, berichtet in einer Aktennotiz für den neuen Pfarrer Johannes Arens vom 3.05.1976 von den Entwicklungen dieser Zeit.

    Acht Wochen nach seiner Amtseinführung berief Pfarrer Arens durch Vermittlung des KV-Mitgliedes Hubert Quinkert für den 13.09.1976 eine Dorfversammlung ein. Im Protokoll dieser Versammlung, die bei Poggels Oma im Forellenhof stattfand heißt es: “Bezüglich des Baus einer neuen Kapelle ergaben sich folgende denkbare Möglichkeiten, die weiter diskutiert und geprüft werden sollen:
    1. Die Kapelle wird unter Vewendung des brauchbaren Materials möglichst originalgetreu wiedererrichtet (Kosten 60 - 70.000 Deutsche Mark)
    2. Die Kapelle wird unter Verwendung des Materials in einem zeitgemäßen Stil in etwa gleicher Größe neu erbaut (Kosten etwa 60 - 70.000 Deutsche Mark)
    3. Die Kapelle wird im Rahmen der Mittel aus dem Verkaufserlös (etwa 40.000 Deutsche Mark) neu erbaut. Sie soll wenigstens so groß sein, dass sie für Altar und Figuren einen angemessenen Rahmen bietet.
    4. Die Kapelle, ihr geschichtlicher, religiöser und materieller Wert (ausschließlich Inneneinrichtung) wird in einer Missionsgemeinde, z.B. in Nordbrasilien (Pater Franz Gödde OFM aus Oedingen hatte am Sonntag zuvor um Hilfe für seine Indianermission am oberen Trombetas gebeten) wieder aufgebaut. Sie würde Mittelpunkt einer lebendigen, religiösen und geistigen Verbindung zwischen beiden Gemeinden. Für die Errichtung eines wesentlich kleineren Baues, der Altar und Figuren aufnehmen sollte, könnten einige Mittel zurückgehalten und weitere aus dem Pfarretat zur Verfügung gestellt werden.

    Am 8.05.1977 heißt es in den “Verkündigungen” in der Kirche: “Am kommenden Sonntag, dem 15. Mai, feiert die Kapellen-Gemeinde Niedereslohe das Fest ihres Patrons, des
    Hl. Isidor. Gleichzeitig nimmt sie Abschied von ihrer bisherigen Kapelle, die im Juni dem Straßenbau weichen muß. Um alle an den Überlegungen über die Wiedererrichtung der Kapelle zu beteiligen, hat der Pfarrgemeinderat beschlossen, eine schriftliche und geheime Abstimmung bei allen Katholiken über 18 Jahren in Niedereslohe zu halten. Die Fragebögen werden Anfang der Woche zugestellt.”

    Zu dieser Umfrage kam es nicht. Nach mehreren Vorgesprächen wurde in einer Dorfversammlung ein Bauausschuß gewählt, der alle Bevölkerungsschichten des Dorfes repräsentierte: Oskar Daniels, Toni Ewers, Paul Fischer, Willi Meier, Franz Anton Poggel, Josef Quinkert jr., Willi Roß. Der Kirchenvorstand entsandte seinen Vorsitzenden, Pfarrer Arens und das Mitglied Hans Georg Eickhoff. In intensiven Beratungen befasste sich dieser Ausschuss unter seinem Vorsitzenden Paul Fischer nicht nur mit der Kapelle, sondern beriet auch, wie dem durch den Straßenbau zerstörten Ortsbild eine neue Mitte und Gestalt gegeben werden könnte. Unter Berücksichtung des vorhandenen Baubestandes wurde diese “Mitte” in der neuen Brücke gefunden. Die so gefundenen Flutlinien bestimmten den Standort der neuen Kapelle. Um die Verhältnismässig lockere Bauweise zu schliessen, wurde ein Pflanzplan entworfen, der dann in einem Ortstermin mit allen Anliegern besprochen und dem Landesamt für Agrarordnung in Münter zur Überarbeitung eingereicht wurde.

    Nun konnte der von den Herren Willi Roß und Rudolf Quinkert erarbeitete Bauantrag mit allen Unterlagen an den Hochsauerlandkreis und das Erzbischöfliche Generalvikariat eingereicht, die notwendigen Grundstückverträge abgeschlossen und am 27.02.1978 durch den Kirchenvorstand der Finanzierungsplan für den Kapellenbau beschlossen werden.

    Mitte Januar 1978 feierten die Niederesloher noch einmal die Hl. Messe in ihrer alten Kapelle. Dann kam am 17.01.1978 die Stunde des Abriss. In der Verantwortung der Fa. Altbrod aus Wenholthausen, zerlegten die Niederesloher sorgfältig den mehr als 300 Jahre alten Dachstuhl. Der Ingenieur Willi Roß hielt die Konstruktion zeichnerisch fest und sorgte für eine exakte Bezeichnung der einzelnen Bauteile, die zur Wiederverwendung bestimmt waren. Auf vielen Photos und einem 30min. Videofilm wurden die einzelnen Phasen festgehalten. Bis ins Frühjahr stand der größte Teil des Mauerwerkes als traurige Ruine in der Ortsmitte.

    Am 19.05.1978 wurde mit dem Wiederaufbau begonnen. Die Arbeiten gingen so zügig voran, dass schon am 22.07.1978 das Richtfest unter großer Teilnahme der Esloher Bevölkerung gefeiert werden konnte. Möglicherweise wurde das zügige Arbeitstempo auch durch den Getränkekonsum beeinflusst. Walter Schilling führte gewissenhaft die Getränkekasse, die von vielen Spendern immer wieder aufgefüllt wurde.

    Willi Roß sprach den Richtspruch, danach wurde der gebundene Richtkranz auf dem Dachstuhl aufgesetzt. In Fischers Scheune wurde bis spät in die Nacht gefeiert. Im Freudentaumel über die neue Kapelle hatte man eine alte Dachdeckerweisheit missachtet: Man setzt den Hahn nicht, bevor nicht der letzte Schieferstein geschlagen ist. Eines Tages war der mit Blattgold besetzte Hahn Wetterhahn verschwunden und tauchte nicht mehr wieder auf. Dieses Ereignis widmete der dichtende Landrat aus Oberbremscheid ein Gedicht:
    “Essel is graut, un Essel is schoin,
    dät is nit geprunket, dät kann jeder saihn,
    vam Wiener Walle bit no`m Langelauh,
    vam Böttmerge bit no Hahnenklau